
Künstler: Emanuel Bardou
Abgebildete Person: Daniel Chodowiecki
Datierung: 1801
Material / Technik: Gips
Sammlung: Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz, Inv.-Nr.: 8349
Foto:
© Gipsformerei, Staatliche Museen zu Berlin
Externer Link zur Webseite der Gipsformerei:
https://www.gipsformerei-katalog.de/Daniel-Chodowiecki/R-04990
Chodowiecki
Wer spricht hier?
Hallo! Ich bin Philip, Museologie-Student aus Berlin. Neben dem Studium arbeite ich als studentische Hilfskraft in einer Kunstsammlung, in der zahlreiche Werke von Daniel Chodowiecki vertreten sind.
Quellenbasiert
Alle Inhalte stützen sich auf überprüfbare wissenschaftliche Literatur und historische Quellen.
Nachhaltig & Sicher gedacht
Die Onlineausstellung setzt auf Server in Europa und langfristige Zugänglichkeit statt kurzlebiger Formate. Persönliche Daten der Nutzenden werden nicht gespeichert.
Barrierearm gestaltet
Texte, Navigation und Gestaltung sind möglichst verständlich und eindeutig gestaltet sowie für die Nutzung von Screenreadern optimiert.
Dialogoffen
Am Ende dieser Biografie wirst du die Möglichkeit haben, Anregungen und Ideen mit mir zu teilen.
Kritik ist dabei ausdrücklich erwünscht und fließt in die Weiterentwicklung dieses Angebots ein.
Intervention
Im Verlauf der Ausstellung erscheinen pink markierte Einschübe. Sie ergänzen die biografische Erzählung um zentrale Debatten des 18. Jahrhunderts: etwa zu Geschlechterrollen, religiöser Toleranz oder politischen Freiheitsversprechen.
Ziel ist es, das Erzählte in den zeitgeschichtlichen Kontext einzuordnen und sowohl emanzipatorische Impulse als auch Grenzen der Aufklärung sichtbar zu machen.
Daniel Nikolaus Chodowiecki (1726 – 1801)
Eine Biografie
Er gab dem 18. Jahrhundert ein Gesicht.
Wer wissen will, wie die Menschen der Aufklärung lachten, weinten, sich kleideten oder ihre Kinder erzogen, kommt an Daniel Nikolaus Chodowiecki nicht vorbei. Über 2.000 Kupferstiche hat er hinterlassen; eine gigantische Bildchronik des bürgerlichen Lebens. Doch er war weit mehr als ein Künstler. Er war ein frommer Diakon, ein knallharter Geschäftsmann und ein liebevoller Familienvater.
Begleite uns auf den Spuren eines Mannes, der aus „Kunst in Berlin“ eine echte „Berliner Kunst“ machte.

Bayerische Staatsgemäldesammlung, Alte Pinakothek, Inv.-Nr.: WAF 313
1. Danziger Wurzeln
Eine Hafenstadt im Wandel.
Geburt zwischen Tradition und Vielfalt

Unsere Reise beginnt im Norden, in der ehemaligen polnischen Hansestadt Danzig. Hier wird Daniel Nikolaus Chodowiecki am 16. Oktober 1726 geboren, hinein in eine Zeit, in der die große Blütezeit der Stadt eigentlich schon vorbei ist. Kriege und Belagerungen haben Spuren hinterlassen, der Handel stockt.
Doch in der Heiliggeistgasse 54 herrscht der Geist des europäischen Bürgertums.
47 Jahre später kehrt Chodowiecki noch einmal nach Danzig zurück und zeichnet sein Geburtshaus. Links kannst du dir es genauer ansehen.
Die Familie Chodowiecki:
Zwischen polnischer Herkunft und französischer Kultur
Der Vater Gottfried stammt aus einer polnischen Familie; Daniel wird später sogar stolz behaupten, er stamme von polnischem Adel ab:
„Ich mache mir eine Ehre daraus, ein wahrer Pole zu sein”
Die Mutter Marie Henriette ist Schweizerin. Sie bringt als Hugenottin das französische Erbe ein, weshalb es wenig verwunderlich ist, dass zu Hause französisch gesprochen wird. Die Erziehung ist streng reformiert, aber herzlich.


In den Haushalten der Danziger Oberschicht gehört die Beschäftigung mit der Kunst zum guten Ton, sie gilt als Zeichen von Bildung, Status und Geschmack. Auch Vater Gottfried tauscht nach Feierabend das Kassenbuch gegen den Pinsel. Er malt zum Zeitvertreib und wird so ganz nebenbei zum ersten Lehrer seines Sohnes.
Die Kunst ist für Daniel also keine fremde Welt, sondern familiärer Alltag.
Eine Frau mit Mauerkrone als Personifikation einer Stadt, an ihrer Seite Neptun als Sinnbild des Meeres. Chodowiecki hat sich mit dieser Allegorie des Wohlstands sehr wahrscheinlich auf seine Heimatstadt Danzig bezogen, die es durch den Seehandel zu beachtlichem Wohlstand gebracht hatte.
Danzig als Schmelztiegel der Kulturen
Das Danzig des 18. Jahrhunderts ist ein Ort, an dem sich Welten begegnen. In den Gassen hört man Deutsch, Polnisch, Niederländisch und Französisch. Genau diese Vielfalt saugt der junge Daniel auf. Er lernt früh, Menschen unterschiedlichster Stände und Herkunft zu beobachten; eine Fähigkeit, die ihn später berühmt machen wird. Das tolerante Klima der Stadt, in der alle Religionen willkommen sind und in der Glaubensflüchtlinge Schutz suchen, prägt ihn von klein auf.

Kanonen, Chaos und ein achtjähriger Zeichner.
Die Belagerung von Danzig
Doch die heile, bunte Welt ist nicht von langer Dauer. Als Daniel acht Jahre alt ist, rücken russische Truppen an. 145 Tage lang wird Danzig belagert, 62 Tage lang liegt die Stadt unter schwerem Artilleriebeschuss. Häuser brennen, die Angst regiert.
Mitten im Chaos blitzt das Talent des Jungen auf:
Er zeichnet ein Porträt des polnischen Königs Stanislaus I. Leszczyński, der in der Stadt Zuflucht gesucht hatte. Es ist der erste Beweis einer großen Gabe.

Der Vater ist tot, die Mutter unterrichtet.
Eine Familie erfindet sich neu

1740 trifft die Familie ein harter Schlag: Der Vater des mittlerweile 14 Jährigen Daniel stirbt und die Familie steht plötzlich ohne ihren Versorger da. Doch die Mutter verharrt nicht in Trauer. Pragmatisch eröffnet sie im Wohnhaus eine Schule für Kleinkinder, um die Familie über Wasser zu halten.
Die Chodowieckis zeigen hier jene bürgerliche Resilienz, die später auch Daniel auszeichnen wird: Wenn es schwierig wird, arbeitet man eben mehr.
Obwohl die Zeichnung links erst deutlich später entstanden ist, begegnen wir hier erstmals Chodowieckis Mutter.
Die Kaufmannslehre.
Grundlagen für ein Leben zwischen Kunst und Kommerz
Für Kunst ist nun allerdings vorerst kein Geld mehr da. Daniel muss einen „ordentlichen“ Beruf erlernen und beginnt eine Kaufmannslehre in einem Gewürzladen. Das heißt: Arbeit von 6 Uhr morgens bis 10 Uhr abends.
Was wie das Ende seiner künstlerischen Träume klingt, ist in Wahrheit sein Rüstzeug.
Hier lernt er Rechnen, Buchhaltung und Disziplin. Fähigkeiten, ohne die er später wohl nie einer der erfolgreichsten Kunstunternehmer seiner Zeit geworden wäre.




2. Berliner Anfänge
Berliner Luft und Ladentheke: Neuanfang in vertrauter Umgebung
Zwei Jahre hält er durch, dann schließt die Witwe Bröllmann ihren Gewürzladen in Danzig und Daniel folgt seinem Onkel mütterlicherseits, Antoine Ayrer, nach Berlin um in dessen Geschäft zu arbeiten.
Als Chodowiecki in Berlin ankommt, ist die Stadt im Aufbruch. Friedrich II., der gerade Schlesien erobert hat, gibt sich aufgeklärt und französisch.
Genau die richtige Atmosphäre für einen jungen Mann aus der Danziger reformierten Gemeinde.
Und Berlin bietet mehr als Danzig: wirtschaftliche Prosperität, kulturelle Modernität und, vor allem, Chancen für einen jungen Mann mit Talent.

Die Französische Gemeinschaft in Berlin.
Chodowieckis geistige Heimat
Der Kulturschock bleibt aus, denn Berlin ist dank der vielen französischen Zuwanderer ein bisschen wie ein zweites Zuhause.
Die Französische Kolonie mit ihren eigenen Schulen, Gerichten und Kirchen ist sein Anker. Hier spricht man seine Sprache, hier teilt man seinen calvinistischen Glauben.
Wer in Not gerät, wird aufgefangen. Wer Arbeit sucht, findet Unterstützung.

Für Chodowiecki bedeutet das: Er hat in Berlin nicht nur Verwandte, sondern ein ganzes Netzwerk, das ihm bis ins hohe Alter soziale Sicherheit und Aufträge sichern wird. Er wohnt und arbeitet also im vertrauten Milieu; nur der Wind weht hier schärfer, moderner und geschäftiger.
Später wird Chodowiecki sogar den Figurenschmuck des Französischen Doms in Berlin entwerfen. Links siehst du seine Vorzeichnung für eine der Eckfiguren.
Toleranz. Aber nicht für alle.
Das Preußen des 18. Jahrhunderts galt als vergleichsweise tolerant;
ein Ruf, der bereits durch das Edikt von Potsdam (1685) begründet wurde. Kurfürst Friedrich Wilhelm gewährte Glaubensflüchtlingen aus Frankreich damals gewissermaßen Asyl und sicherte ihnen Schutz sowie wirtschaftliche Förderung zu. Von dem so entstandenen Netzwerk profitierte später auch Chodowiecki.
Allerdings schloss diese Toleranz längst nicht jeden ein und war keineswegs gleichbedeutend mit einer universellen gesellschaftlichen Gleichberechtigung.
Für jüdische Familien galten beispielsweise strenge Auflagen: Ihr Aufenthaltsrecht war an sogenannte Schutzbriefe geknüpft, Heirat und Niederlassung wurden staatlich reguliert. Darüber hinaus wurden kollektive Sonderabgaben fällig, die die jüdische Gemeinschaft als Ganzes jährlich zu entrichten hatte.


Das Bild links zeigt das Edikt von 1671 zur Aufnahme jüdischer Familien in Brandenburg-Preußen. Eine Duldung, die an harte Bedingungen wie das Verbot eigener Synagogen geknüpft war.
Ein starker Kontrast: Während die Hugenotten mit königlicher Unterstützung die Friedrichstadtkirche erbauen konnten, blieb der jüdischen Gemeinde ein solcher Raum der Repräsentation lange Zeit verwehrt.
Fast achtzig Jahre später institutionalisierte das “Revidierte Generalprivileg” von 1750 diese Ausgrenzung weiter. Es teilte die jüdische Bevölkerung in strikte Klassen ein und machte Rechte vom Vermögen abhängig: Während wohlhabende Familien sich gegen Geld wirtschaftliche Privilegien und Schutz erkaufen konnten, hatten ärmere Jüdinnen und Juden weitaus weniger Rechte .
Religionsfreiheit existierte somit nur in einer streng hierarchischen Form. Das aufgeklärte Preußen öffnete Türen; definierte jedoch ganz genau, wer wie weit eintreten durfte.
Tabakdosen, Schnupffläschchen und der Geschmack der Leute
Im Quincailleriegeschäft seines Onkels lernt Chodowiecki, was der Markt will. Tabakdosen, Riechfläschchen, Stockknäufe, Prunkschächtelchen; lauter kleine Luxusobjekte, die sich gut verkaufen, wenn sie hübsch verziert sind.
Daniel und sein Bruder Gottfried sind dafür zuständig, diese Objekte zu veredeln. Was sie schaffen, geht entweder direkt über die Ladentheke oder wird an andere Händler weiterverkauft.

3. Der Weg zum
Künstler
Weg vom Ladentisch, rein ins Atelier: Der Sprung in die Selbstständigkeit
Doch nach elf Jahren hat er genug. 1754 wagen Daniel Chodowiecki und sein Bruder Gottfried den Absprung: Sie machen sich als Miniaturmaler selbstständig. Ein Risiko, denn sie haben keine feste Hofanstellung. Aber unser Künstler kalkuliert kühl: Sie bleiben Lieferanten für den Onkel, arbeiten nun aber auf eigene Rechnung. Er ist jetzt freier Unternehmer, und er weiß:
„Wer nicht so malen kann, dass man ihn gut bezahlen muss, der muss gar nicht malen“.
Parallel dazu nimmt er Sprachunterricht, bildet sich wissenschaftlich weiter und knüpft Kontakte zu den führenden Köpfen der Berliner Aufklärung. Was ihm an formaler Ausbildung fehlt, holt er durch Fleiß, Neugier und Geschäftssinn wieder herein. Mit 29 Jahren steht Chodowiecki schließlich als angesehener Miniaturmaler da. Er verdient gut, hat Kontakte und kann endlich daran denken, einen eigenen Hausstand zu gründen.
Die Heirat.
Liebe, Geschäft und Gemeinde in einem

Am 13. Juni 1755 heiratet Chodowiecki Jeanne Barez, die Tochter eines Goldstickers aus der französischen Kolonie. Ihr Vater gilt als Vorbild an Frömmigkeit und Wohltätigkeit; die perfekte Verbindung für einen aufstrebenden Künstler, der in der Gemeinde Fuß fassen will.
Die Hochzeit ist eine Doppelhochzeit: Daniel heiratet Jeanne, sein Bruder Gottfried heiratet Marie Lainé. Danach ziehen die Brüder mit ihren Frauen in die vornehme Brüderstraße, in ein Haus, das Verwandten der Familie Barez gehört.
Auch aus geschäftlicher Sicht ist die Heirat klug: Die meisten Juwelier- und Quincailleriegeschäfte, die Chodowieckis Emaillearbeiten verkaufen können, gehören Hugenotten.
Quiz
In Chodowieckis Serie “Heirathsanträge” begegnen dir die unterschiedlichsten Bewerber … vom eitlen Windbeutel bis zum schlichten Landmann. Jeder tritt mit eigener Haltung, Mimik und Marotte auf. Im Quiz siehst du jeweils ein Blatt und ordnest den dargestellten Heiratsantrag dem passenden Menschentyp zu.
Erkennst du, wer wer ist?
Frauen in der bürgerlichen Gesellschaft
Im 18. Jahrhundert entstand das bürgerliche Ideal der empfindsamen Ehe; geprägt von Moral und gegenseitiger Zuneigung. Rechtlich blieb die Hierarchie jedoch bestehen. Der Mann galt als Oberhaupt des Hauses, die Frau als ihm untergeordnet.
Während Frauen in ärmeren Schichten selbstverständlich mitarbeiteten und zum Lebensunterhalt beitrugen, verengte sich ihr Tätigkeitsfeld im gehobenen Bürgertum zunehmend auf den häuslichen Bereich. Das Leitbild lautete: Der Mann wirkt öffentlich, die Frau im Haus.
Dieses Modell ließ nur selten Ausnahmen zu. Eine davon war Dorothea Erxleben, die 1754 in Halle als erste Frau im deutschsprachigen Raum promovierte. Ein Schritt, der jedoch nur mit ausdrücklicher königlicher Sondergenehmigung möglich war.


Auch Chodowiecki förderte seine Töchter gezielt und bedachte sie in seinem Testament zu gleichen Teilen wie seine Söhne.
Seine Tochter Susanne Chodowiecka, später Suzette Henry, erhielt von ihm schon früh Zeichenunterricht und wurde in die Werkstattpraxis einbezogen. Sie entwickelte sich zu einer eigenständigen Künstlerin und trat damit öffentlich in Erscheinung. Ein Weg, der über die traditionelle Rolle der „Haustochter“ hinausführte. Heute ist auch sie, ebenso wie ihr Vater, in zahlreichen Kunstsammlungen vertreten.
Solche Beispiele blieben jedoch Ausnahmen. Die grundsätzliche Frage, ob Frauen als eigenständige, mündige Bürgerinnen gedacht und rechtlich anerkannt werden sollten, war im 18. Jahrhundert Gegenstand intensiver Debatten. Eine gesellschaftliche oder politische Gleichstellung folgte daraus jedoch noch nicht.
Die erste Radierung … unter anderem Namen.
Später undenkbar

Eine erste Radierung, einen erfolglosen Würfelspieler, traut er sich kaum zu signieren. Er nutzt ein Pseudonym, aus Angst vor Kritik. Der spätere Meister der Radiernadel beginnt als unsicherer Autodidakt.
Die Technik bringt er sich selbst bei, mit Unterstützung des Malers Christian Bernhard Rode, der in seinem Haus ein abendliches Aktstudium für interessierte Berliner Kollegen organisiert. Dort kann Chodowiecki zum ersten Mal nach lebenden Modellen zeichnen; eine Erfahrung, die ihn auch zu ersten Ölmalereien anregt.
Der Austausch mit anderen Künstlern, die ihm an Ausbildung und Erfahrung voraus sind, fördern und ermutigen ihn. Auch wenn er nie eine formale Akademie-Ausbildung genossen hat, hier, im Kreis der Berliner Künstler, lernt er sein Handwerk.
4. Der Durchbruch
“Les Adieux de Calas à sa famille“
1765 malt Chodowiecki das Bild, das alles verändert. Es zeigt den Abschied des Hugenotten Jean Calas von seiner Familie. Die Geschichte dahinter ist grausam: Der Toulouser Tuchhändler Jean Calas wird 1762 zu Unrecht wegen Mordes an seinem Sohn hingerichtet. Voltaire macht den Fall europaweit bekannt, und das Thema bewegt besonders die Hugenotten, zu denen auch Calas gehört hat.

Chodowiecki malt zunächst ein Ölgemälde, dann radiert er die Szene. Das Blatt zeigte keine heldenhafte Allegorie, sondern eine intime, herzzerreißende Szene. Statt blutiger Hinrichtung zeigt Chodowiecki pure Emotion, Tränen und familiäre Zärtlichkeit. Er trifft damit den Nerv der „Empfindsamkeit“. Ganz Europa ist gerührt. Mit einem Schlag ist er berühmt.
Adieu, Miniaturmalerei!
Es lebe die Radierung
Der Erfolg der Radierung des Calas-Bildes öffnet ihm die Augen. Warum mühsam einzelne Miniaturen malen, wenn man eine Druckplatte hunderte Male verkaufen kann? Er sattelt um. Die Gründe liegen auf der Hand: Miniaturen muss man einzeln malen. Sie sind mühsam, zeitaufwendig, und die Konkurrenz wird immer billiger.
Radierungen dagegen können vervielfältigt werden. Ein Motiv, hunderte Abzüge … Der Miniaturmaler wird zum gefragten Radierer.

Chodowiecki illustriert eine Epoche
Nach diesem riesen Erfolg setzt die Auftragsflut ein. Verleger wissen: Ein Buch mit Chodowiecki-Illustrationen verkauft sich besser.
In den folgenden 20 Jahren stattet Chodowiecki 55 Romane mit Abbildungen aus. Ob Hochkultur oder Unterhaltung, Chodowiecki illustriert alles. Goethes „Werther“ (links im Bild), Lessings „Minna“, Schillers „Kabale und Liebe“.
Seine Illustrationen wirken dabei oft wie auf einer Bühne arrangiert; kein Wunder, viele basieren auf Theateraufführungen, die er gesehen hatte.
Wer heute die Wikipedia-Seite zu Goethes Werther aufruft, begegnet dort unmittelbar Chodowieckis Grafiken. Seine Abbildungen prägen unsere Vorstellung dieser Figuren bis heute.

Illustrationen zu Schillers Kabale und Liebe, 1785,
Radierung, 10,7 x 6,4 cm /
Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel,
Inv.-Nr.: Chodowiecki Sammlung (5-336)

Illustrationen zu Lessings Minna von Barnhelm, 1769, Radierung, 8,7 x 5,1 cm / Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel, Inv.-Nr.: Uh 4 47(73)

/ Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel, Inv.-Nr.: Chodowiecki Sammlung (4-212)
Leserinnen und Autorinnen
Das 18. Jahrhundert war ein Medienzeitalter. Bücher, Kalender und Zeitschriften verbreiteten sich schneller und breiter als je zuvor. Auch Frauen wurden zu wichtigen Leserinnen. Moralische Wochenschriften richteten sich ausdrücklich an sie. Gleichzeitig warnte man vor zu viel Romanlektüre; besonders bei jungen Frauen. Lesen sollte bilden, aber nicht aus der gesellschaftlichen Rolle herausführen.
Und doch veränderte sich etwas: In Berlin entstand um 1800 eine neue Form halböffentlicher Diskussionsräume: die Salons. Eine zentrale Figur war Henriette Herz. In ihrem Haus trafen sich Schriftstellerinnen, Gelehrte und Politiker. Hier wurde gelesen, diskutiert und philosophiert.
Der Salon war kein politisches Parkett, aber ein Ort geistiger Teilhabe. Frauen traten hier als Gastgeberinnen, Gesprächspartnerinnen und Netzwerkerinnen auf.
Die literarische Öffentlichkeit wurde weiblicher. Lange bevor es die politisch werden sollte.

5. Der Geschäftsmann der Aufklärung
Berlin ist im Aufbruch des Geistes,
und Chodowiecki liefert die Bilder dazu.
Chodowiecki gilt als der Künstler der Aufklärung; und das obwohl die Kunstgeschichte keine wirkliche Epoche “Aufklärung” kennt. Aufklärung ist primär eine philosophisch-literarische Bewegung, ihr Medium ist die Sprache, nicht das Bild.
Doch genau dort kommt Chodowiecki ins Spiel: Er ist kein Philosoph aber er macht die Ideen der Aufklärung sichtbar. Seine Bilder sind verständlich, moralisch und vernünftig, genau wie die Aufklärung selbst. Er visualisiert, was Goethe, Lessing oder Mendelssohn denken.
Nicht die höfische Welt steht im Mittelpunkt, nicht Adel, Krieg oder Luxus, sondern Arbeit und Familie, Reisen und Erziehung. Wie kein anderer Künstler seiner Zeit macht er die bürgerliche Lebenswelt zum bevorzugten Thema.
Im Zentrum des linken Bildes steht Minerva, die römische Göttin der Weisheit. In Helm und Mantel erscheint sie als personifizierte Toleranz. Hinter ihr geht eine strahlende Sonne auf: Sie spendet das Licht der Erkenntnis, das Licht der Aufklärung. Unter diesem Licht versammeln sich Vertreter verschiedener Religionen und Stände.
Die männliche Aufklärung?
Die Aufklärung erklärte den Menschen zum vernunftbegabten Wesen. Doch dieser „Mensch“ wurde in der Praxis nicht geschlechtsneutral gedacht.
Frauen konnten selbstverständlich ebenso vernünftig sein wie Männer: sie schrieben Romane, diskutierten in Salons, arbeiteten, zeichneten. Und doch galten sie vielen Denkern des 18. Jahrhunderts nicht als vollgültige Trägerinnen intellektueller und politischer Mündigkeit.
Als Immanuel Kant 1784 fragte „Was ist Aufklärung?“, sprach er vom „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“. Zugleich schrieb er, dass „das ganze schöne Geschlecht“ den Schritt zur Selbstständigkeit oft für sehr beschwerlich halte. Die weibliche Vernunft wurde also nicht unbedingt geleugnet, aber oftmals relativiert.


Lexika jener Zeit definierten die Frau primär als Ehefrau, Mutter und Haushaltsvorstand unter männlicher Leitung. Das neue Ideal der bürgerlichen Gesellschaft sah sie als kultivierte Gefährtin, nicht als gleichberechtigte Bürgerin.
Und doch verschoben sich die Grenzen.
Sophie von La Roche etwa veröffentlichte 1771 und damit noch vor Goethes Werther ihren Briefroman Geschichte des Fräuleins von Sternheim, ein Bestseller. Später gab sie mit Pomona. Für Teutschlands Töchter die erste von einer Frau herausgegebene deutsche Zeitschrift heraus. Selbstbewusst schrieb sie, sie könne sich „in jedem Gebiet umsehen, welches andre angeschaut haben“.
Die Vernunft war da. Gewürdigt und gefördert wurde sie von den Männern der Zeit allerdings leider nur vereinzelt.
Die vielbeschworenen Ideale der Französischen Revolution, Freiheit und Gleichheit, galten in erster Linie für Männer. Als Olympe de Gouges 1791 die „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“ verfasste und darin die uneingeschränkte rechtliche Gleichstellung forderte, stieß sie auf tödlichen Widerstand und wurde nur zwei Jahre später von den Revolutionären hingerichtet.
Frauen wie sie nahmen die Versprechen der Aufklärung ernst und dachten sie konsequent weiter, während die meisten männlichen Zeitgenossen in ihren traditionellen Denkmustern verharrten. Für dieses Einfordern von Vernunft und Freiheit bezahlten sie mitunter einen hohen Preis; sei es durch soziale Ächtung oder den Verlust ihres Lebens. Die Aufklärung zeigt sich hier als ein zutiefst ambivalenter Prozess: geprägt von immensem Fortschritt, aber auch von tief verwurzelten Widersprüchen.

Bonjour und „Adieu, ma patrie“
Die erste Reise nach Danzig und das dreifache Erbe
1773 gönnt sich Chodowiecki eine Auszeit und reist in seine alte Heimat Danzig.
Es wird eine sentimentale Reise, aber gewissermaßen auch eine Dienstreise. Er zeichnet alles, was ihm vor die Linse kommt.
In 108 Zeichnungen dokumentiert er seine Wurzeln und zeigt sich als Mensch dreier Kulturen: Preuße, Franzose und im Herzen auch Pole. Denn als er vor der Rückreise einen letzten Blick auf die Türme Danzigs wirft, notiert er in seinem Tagebuch:
„Adieu, ma patrie” – Lebwohl, meine Heimat.
Obwohl er fast sein ganzes Leben in Berlin verbracht hat, bleibt Danzig für ihn die Stadt seines Herzens.
Lust auf mehr? Keine Sorge, das war nur ein kleiner Teaser! Diesen Herbst kannst du Chodowieckis komplette Reise von Berlin nach Danzig im Muzeum Gdańska live und in Farbe erleben. Hier gehts zur Webseite
Lavater und die Physiognomie
In den 1770er Jahren schwappt eine neue Mode durch Europa: die Physiognomik. Der Schweizer Pfarrer Johann Caspar Lavater behauptet, man könne am Gesicht eines Menschen seinen Charakter ablesen.
Eine steile These, die Chodowiecki zu untermalen (bzw. unterstechen) versucht. Und so fertigt er für Lavaters „Physiognomischen Fragmente“ unzählige Profile und Porträts. Er wird zum Experten für das „Lesen“ von Menschen, zum „Seelenmaler“, wie ihn seine Zeitgenossen nennen.
Interessanterweise arbeitet Chodowiecki gleichzeitig für Lavater und für dessen Kontrahenten Lichtenberg. Über die Lager hinweg engagiert, immer offen für verschiedene Perspektiven
Die “Wissenschaft” des Vorurteils

Lavater war fest davon überzeugt, dass sich Charakter und moralischer Wert eines Menschen an seinen Gesichtszügen ablesen ließen.
Was damals als fortschrittliche ‚Menschenkenntnis‘ präsentiert wurde, war in Wahrheit ein starres System von Zuschreibungen: Körperliche Schönheit galt als Ausdruck innerer Tugend, optische Abweichungen hingegen als Hinweis auf moralische Defizite. Akribisch wurden Schädelprofile vermessen, Silhouetten gesammelt und Gesichtslinien analysiert.
Schon Zeitgenossen zweifelten an dieser Methode und fragten: Ist das noch Aufklärung oder schlichtweg Vorurteil? Die Antwort ist eindeutig: Es war Letzteres und reduzierte den Menschen auf rein äußerliche Merkmale.
Rückblickend zeigt sich: Solche Denkmuster bereiteten späteren rassistischen Theorien den Boden.
Die Geschichte der nebenstehenden Karikatur von Daniel Chodowiecki zeigt diese absurde Reduzierung in der Praxis. Nicht die Zeichnung selbst sorgte dabei für Empörung, sondern Lavaters beigefügte Interpretation. In seinen „Physiognomischen Fragmenten“ nutzte er das Bild zur Herabwürdigung eines ganzen Berufsstandes:
„Ein sehr kränkelnder, schwindsüchtiger, cholerischmelancholischer, einfältiger Schuster – (Im Vorbeygehn zu sagen: Fast keine Art Leute sind so schlecht gebildet, als die Schuster; und fast keine Art Leute, im Durchschnitte genommen, so mißgestaltet wie diese – Auch ist nicht weniger anmerkenswerth, daß unter 80 Schusterkindern in Zürich nicht mehr als 6 oder 7 Knaben sind.“
Die Züricher Schuster nahmen diese Stigmatisierung jedoch nicht schweigend hin und forderten von dem Gelehrten entschieden eine „befriedigende Ehrenrettung“.

Lichtenberg und der
Göttinger Taschenkalender
Mit „Natürliche und affectirte Handlungen des Lebens“ fertigt Chodowiecki zwölf Bildpaare für Lichtenbergs
“Göttinger Taschen-Calender” an. Links die natürliche Version einer Handlung, rechts die aufgesetzte, übertriebene.
Gleiche Untertitel aber völlig unterschiedliche Darstellungen. Die Betrachtenden müssen selbst herausfinden, worin der Unterschied liegt. Es ist ein moralisches Lehrbuch ohne erhobenen Zeigefinger: Sei natürlich, nicht gekünstelt!
Unten siehst du zunächst zwei Blätter, die eine Begrüßung zeigen: Hier die geschniegelt-gekünstelte Verbeugung mit übertriebener Körperbiegung und spitzen Fingern … fast wie auf einstudiert. Daneben das natürliche Kompliment, schlicht und ohne Ziererei.
Die beiden anderen Bilder zeigen das Gebet: einmal als theatralisches Sich-Hinwerfen, einmal als stilles, bedächtiges Beten. Chodowiecki lässt keinen Zweifel, wer wirklich gläubig ist und wer nur Ablass leisten möchte




Lichtenberg: Skepsis als wahre Aufklärung

Georg Christoph Lichtenberg widersprach Lavater in der Physiognomie-Debatte entschieden. Er bezweifelte, dass vom Äußeren zuverlässig auf das Innere geschlossen werden könne, und warnte vor den gesellschaftlichen Folgen dieser Lehre: Wenn der Charakter in den Gesichtszügen festgeschrieben sei, verlören Erziehung und moralische Entwicklung ihren Sinn.
„Wenn die Physiognomik das wird, was Lavater von ihr erwartet, so wird man die Kinder aufhängen, ehe sie die Taten begangen haben.“ – Lichtenberg
Daniel Chodowiecki bewegte sich zwischen diesen Positionen. Er lieferte Bildmaterial für Lavater, illustrierte aber auch Lichtenbergs Texte. Chodowiecki war ein Künstler, der Gesichter studierte, sich aber gegen schnelle moralische Urteile stellte. So bat er Lavater beispielsweise brieflich um Zurückhaltung bei abwertenden Kommentaren über die Porträtierten.
Chodowiecki war kein Philosoph. Doch seine Haltung in dieser Auseinandersetzung zeigt: Beobachtung bedeutet nicht zwangsläufig Bewertung. Aufklärung heißt auch Skepsis zeigen und Kritik üben.
23. März 1776
24 Stunden mit Chodowiecki
Stell dir vor, du bist einer der gefragtesten Künstler deiner Zeit. Ausschlafen und gemütlich auf die Muse warten? Fehlanzeige! Außer sonntags arbeitet Daniel Nikolaus Chodowiecki jeden Tag bis spät in die Nacht.
Er schufte “wie ein Galeren Sklave; aber wie ein solcher der sein ruder mit Lust bewegt“ schreibt er selbst.
Dass er quasi nie Feierabend macht, verraten auch seine Grafiken: Immer wieder verewigt er sich selbst als zeichnende Figur in den eigenen Szenen. Wie genau dieser „lustvolle Galeerensklave“ sein enormes Pensum wuppt? Ein Blick in Chodowieckis Tagebucheintrag vom Samstag, den 23. März 1776, liefert die Antwort:
Königlicher Start in den Tag
Er setzt sich an die Arbeit und malt am Porträt einer Prinzessin weiter. Die Auftragsbücher sind voll!
Feinschliff am Bestseller
Danach geht es direkt an die Druckplatten. Heute retuschiert er eine Platte zu Goethes absolutem Mega-Hit: “Die Leiden des jungen Werthers“

An ungestörtes Arbeiten ist kaum zu denken, denn die Tür steht nicht still. Gleich drei Besucher schneien nacheinander herein: Herr Rat Schmidt, Chodowieckis Schwager und ein ungenannter Herr.
Außerdem hat die Prinzessin jemanden vorbei geschickt, der ihr kleines Bildnis abholt.
Auftrag erledigt.
Die Kassen klingeln
Post vom Kollegen
Nebenbei blättert er durch einen Katalog des Kupferstechers Berger, der soeben mit der Post gekommen ist.

… Bald zurück!
Chodowiecki verlässt das Atelier und besucht Beausobre, einen Gelehrten. Es gibt einiges zu besprechen, denn es geht um wichtige Porträts für den renommierten Berliner Kalender.

So nicht….
Der Verleger Himburg drückt ihm einen Brief des Frankfurter Buchhändlers Deinet in die Hand. Dieser möchte zwei von Chodowieckis berühmten „Calas“-Stichen auf Kommission haben. Chodowiecki fackelt nicht lange und lehnt ab … auf solche Deals lässt er sich nicht ein.

Endspurt
Zurück am Zeichentisch widmet er sich dann noch einigen Skizzen für Friedrich Nicolais Roman „Sebaldus Nothanker“.

Das Familienunternehmen Chodowiecki
Das Haus in der Brüderstraße füllt sich schnell. Die Kinder wollen ernährt werden, dazu unterstützt er seinen geistig behinderten Bruder Antoine und holt später seine Schwestern nach Berlin. Chodowiecki ist das Zentrum eines Clans. Diese familiäre Verantwortung ist sein Antriebsmotor für die rastlose Arbeit.
Später bindet er seine Kinder, besonders Tochter Susanne und Sohn Wilhelm, in die Werkstatt ein. Die Kunst wird zum Familienbetrieb.

Ein eigenes Atelier im heutigen Sinne hat Chodowiecki nicht. Er arbeitet zu Hause. Dort, zwischen Frau, Verwandten und Kindern, entstehen seine Zeichnungen, Briefe und Radierungen. Das häusliche Umfeld ist für ihn Rückzugsort und Produktionsstätte zugleich.
Unten siehst du ihn am Esstisch, umgeben von seiner Familie, konzentriert beim Zeichnen. Es ist eines der wenigen Blätter, auf denen er sich selbst von vorne zeigt … meistens kann man ihm nur über die Schulter hinweg bei der Arbeit zusehen. So wie auf dem zweiten Bild.


6. Spätwerk & Vermächtnis
Der Stratege an der Spitze.
Chodowiecki krempelt die Akademie um
In seinen späten Jahren engagiert sich Chodowiecki verstärkt für die Preußische Akademie der Künste, deren Mitglied er seit 1764 ist.
Unter Direktor Le Sueur sieht er Reformbedarf und setzt 1783 zunächst energisch die Wahl seines Freundes Christian Bernhard Rode durch, nur um bald festzustellen, dass auch dieser die erhoffte Dynamik vermissen lässt.
Das Engagement für die Akademie kostete Zeit. Anfang der 1780er Jahre zieht er sich deshalb von seinen Ämtern in der hugenottischen Gemeinde zurück. Man kann eben nicht alles gleichzeitig machen.

Der Witwer.
Persönlicher Verlust und neue Herausforderungen

1785 stirbt seine Frau Jeanne. Ein schwerer Schlag. Chodowiecki fühlt das Alter und den Verlust seiner Energie. Doch er reagiert typisch und beginnt noch härter zu arbeiten: Bis tief in die Nacht, um den Verlust durch Fleiß zu kompensieren.
„Ich laboriere an einer unheilbaren Krankheit, das ist das Alter“, schreibt er resigniert, aber ungebrochen.
Ungeachtet dessen treibt Chodowiecki die Erneuerung weiter voran: 1786 organisiert er die erste öffentliche Akademie-Ausstellung und verschafft der Institution damit neue Aufmerksamkeit.
… und so kommt es, dass er 1797 zum Direktor der Preußischen Akademie der Künste ernannt wird. Der ehemalige Krämerlehrling steht nun an der Spitze der preußischen Kunstwelt.
Tod und Nachwirken
Am 7. Februar 1801 stirbt Daniel Chodowiecki in Berlin. Er wird auf dem Französischen Friedhof beigesetzt, mitten unter „seinen“ Leuten. Als Jugendlicher ohne Vermögen nach Berlin gekommen, kann er seinen Kindern 1801 ein Haus im Wert von über 6000 Talern und ein Vermögen von fast 20.000 Talern vererben. In seiner rastlosen Berufsarbeit, seiner Verachtung jeglicher Zeitvergeudung und seiner Flexibilität beim Wechsel zwischen verschiedenen Kunstformen verkörpert er das calvinistische Ideal perfekt.
Die Nachrufe sind überschwänglich. Nicolai nennt ihn einen „in seiner Art einzigen Mann, in Vorstellung moderner Figuren”. Die Leipziger Neuen Miscellaneen feiern ihn 1802 als „Stifter einer neuen Kunstgattung in Deutschland: der Darstellung moderner Figuren, mit einer Wahrheit in der Physiognomie, einer Lebhaftigkeit des Ausdrucks und einer unnachahmlichen Laune”.
Chodowieckis Todesjahr markiert gleichzeitig das Ende einer Epoche: Der Frieden von Lunéville leitete die Auflösung des Heiligen Römischen Reichs ein und bereitete Napoleons Hegemonie vor. Auch Preußen, der aufgeklärte Staat, in dem Chodowiecki sein Leben verbracht hatte, steht vor dem Untergang.

Was bleibt
Chodowiecki hat den Blick der Kunst verändert. Weg vom pathetischen Hofzeremoniell, hin zum echten Leben in den Wohnstuben und auf den Straßen. Die sprunghaft angestiegene Textproduktion des 18. Jahrhunderts hatte ein Verlangen nach Anschaulichkeit mit sich gebracht. Das Bild etablierte sich als unerlässliche Bezugsgröße des Textes, und die Druckgraphik stieg zur führenden Kunst auf. Chodowiecki vermochte den Aufträgen kaum Herr zu werden; sein Oeuvre umfasst mehr als 2000 Grafiken, die in über 300 Publikationen erschienen.
Er hat aus „Kunst in Berlin“ eine eigenständige „Berliner Kunst“ gemacht: realistisch, nüchtern, pointiert und dem Alltag zugewandt. Eine Tradition, die von ihm direkt zu Adolph Menzel und Max Liebermann führt.
ENDE
Jetzt bis du gefragt? Wie hat dir diese Onlineausstellung gefallen?













